Michaela Burch zum Berufsbild

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Michaela Burch
Michaela Burch

Michaela Burch zum Berufsbild

Trauerrednerin aus der Nähe von München / Mitglied in der BATF

Ich möchte eines gleich vorausschicken: alle Trauerredner, Grabredner, Nachrufredner oder Lebensredner oder wie sie sich sonst so nennen, und damit meine ich wirklich alle, also Frauen und Männer, kochen mit dem exakt gleichen Wasser. Manchmal ist es vielleicht noch gechlort, manchmal durch einen Britta-Wasserfilter gereinigt, manchmal wird es abgekocht, manchmal wird ihm mit einem Soda Stream noch Blubber hinzugefügt. Aber das Wasser als Basis bliebt immer Wasser. Genauso wie die verstorbene Person immer die gleiche verstorbene Person bleibt. 

Und in der Trauerrede geht es genau darum: um diese verstorbene Person. Um nichts oder niemanden anderen. Um deren Leben. Aber jetzt kommt wieder der Blubber, die Reinigung, der Kochtopf oder der Chlor hinzu. Das, was uns Trauerredner dann auf einmal doch alle unterscheidet. 

Der eine Trauerredner erzählt das Leben von Anfang bis Ende, der andere lässt Daten einfach weg, weil er meint, dass sie jetzt auch nicht mehr interessant wären, wenn man sie bis heute nicht wusste, die andre hupft im Leben von vorne nach hinten und wieder zurück. Der eine wirkt in der Rede eher wie ein Pfarrer (manch einer war das in seinem früheren Leben ja auch durchaus) und soll auf Wunsch der Angehörigen vielleicht auch so wirken, die andre bringt die Zugehörigen während der Rede eher zum Lachen. Der eine erzählt zwar Anekdoten des Lebens – eingebettet in das komplette Leben der verstorbenen Person –, die andre baut Bilder und nutzt vielleicht Metaphern. Der eine nutzt Zitate, Bibelstellen oder Geschichten, die andre macht es komplett ohne solche „Fremdtexte“. Manch einer von uns Trauerrednern betet gerne mit den Angehörigen ein „Ave Maria“, ein anderer spricht das „Vaterunser“ schon fast nur unter Zwang. 

Und es geht trotzdem immer noch um die verstorbene Person. Um das Kernstück einer Rede. Nur das „Wie“ hängt einfach davon ab, wie der Redner so ist. Was sein Typ ist und damit, was sein Stil ist. 

Aber es gibt letztlich jemanden, der entscheidet. Der entscheidet „Diesen Redner möchte ich bei der Beerdigung von x hören.“. Das ist unser Auftraggeber, der Kunde. Und der Kunde ist König. Da spreche auch ich einen Segen oder bete mit den Anwesenden zusammen das „Vaterunser“, obwohl ich selber aus der Kirche ausgetreten bin und mein mir ganz eigener Glaube zu keiner Kirche gehört und ich normalerweise nie bete. Aber breche ich mir damit einen Zacken aus der Krone? Nein. Schließlich war ich irgendwann auch einmal ein Kirchenmitglied und habe das Beten gelernt. 

Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Trauerredner seine Kunden findet oder diese ihn. Auch wenn in einem Ort viele davon ihre Dienste anbieten. Weil jeder von uns Menschen einfach eine Vorliebe für irgendwas hat. Und wenn es für rote Brillen ist. Oder man vielleicht lieber eine Frau als einen Mann als Redner:in hat, oder lieber jemanden Junges als Altes, oder lieber rein weltlich als mit Gebeten. 

Für mich macht es auch keinen Unterschied, ob ein Trauerredner einfach seine Berufung gefunden hat und schlichtweg reden kann und es einfach macht, oder ob er eine Ausbildung als Trauerredner gemacht hat. Völlig egal, ob zertifiziert, vor der IHK, nur im Wohnzimmer eines anderen Trauerredners oder eben gar nicht. Wichtig ist doch nur eines: er oder sie muss das Herz der Trauernden ansprechen. Ihnen Halt geben. Sie ein Stück des Trauerwegs begleiten. Egal, ob man sich Trauerredner, Grabredner, Nachrufredner, Lebensredner oder sonst wie nennt. 

Und ganz sicher haben Sie es schon bemerkt: ich bin „die andere“. Anders, aber eben auch eher unkonventionell. Sicherlich nicht für jedermann passend. Wie sagte heute erst eine Bestatterin zu mir? „Wahnsinn. Ihre Reden sind der Hammer. Ich finde nicht die passenden Worte, wie begeistert ich von dieser Rede bin. Chapeau.“ 

Ich habe schon bemerkt im Vergleich mit Trauerrednerkolleg:innen, dass ich um einiges mehr an Zeit aufwende für das Gespräch mit den Angehörigen, wie diese. Aber diese 2,5 bis 3 Stunden sind bereits ein großes Stück Trauerarbeit für die Angehörigen. Wie schrieb erst diese Woche eine erwachsene Tochter? „Liebe Frau Burch, erst einmal möchten wir uns alle für das Gespräch mit ihnen bedanken. Es hat uns allen sehr geholfen so intensiv über meine Mama zu sprechen, was wir vermutlich so in der Form nie getan hätten.“ Und auch die Enkelin hatte mir am Tag zuvor geschrieben „Vielen Dank für das Gespräch heute. Es war sehr schön so lange über meine Omi (unsere Erika) zu sprechen.“ 

Mir ist es wichtig, dass die beim Gespräch anwesenden An- oder Zugehörigen ganz viele Erinnerungen aufleben lassen können. Dass gelacht werden kann und darf, dass auch Tränen fließen dürfen. Ich bin nicht nur die Trauerrednerin, die Informationen sammelt für die Rede, sondern ich bin auch als ausgebildete Trauerbegleiterin diejenige, die die Trauernden auffängt. Die mit ihnen den Schmerz aushält, die sie auffängt. Egal, wie schrecklich der Tod war. Dafür wurde ich ausgebildet, dafür habe ich mich auch zusätzlich weitergebildet u.a. an der Akademie des Krisen-Interventions-Teams mit dem Thema „Einführung in die Psychotraumatologie und Basiskrisenintervention“ und nächsten Monat geht es in ein Seminar für „Demenzfreundliche Trauerredner“. 

Bei mir geht es um mehr, als nur um das reine Halten der Rede. Ich nenne diese Rede ja nicht einmal Trauerrede, sondern Lebensrede. Für mich ist es auch nicht die Trauerfeier, sondern das letzte Lebensfest. Es geht um das Leben der verstorbenen Person, um sie als Mensch – mit allen Ecken und Kanten, allen Höhen und Tiefen, allen Stärken und Schwächen – noch einmal in die Mitte zu holen, und nicht um den Tod. Dieser findet meistens auch nur in 2 bis 4 Sätzen in der gesamten Rede seinen Platz. 

Diese Lebensrede darf eine gewisse Leichtigkeit haben, sie darf gerne zum Lachen oder Schmunzeln während des Haltens anregen und sie soll die verstorbene Person in jeglicher Facette noch einmal zeigen. Dafür nutze ich meine Kreativität, meine Lebendigkeit und meine eigene Art zu schreiben und zu reden. 

Und ja, ich bin anders. Die andere halt. Und trotzdem koche ich mit dem gleichen Wasser wie die ganzen Kolleg:innen.

Ihre Michaela Burch